Blumen pflücken verboten, Bäume fällen erlaubt…

Nach längerer Pause ist dies ein erneuter Versuch, meinem Blog Leben einzuhauchen. Worum geht’s? Das Foto unten entstand am 23. März diesen Jahres am Südhang des Blömkebergs in Bielefeld. Was aussieht wie das Freigelände eines Sägewerks, ist Teil des Naturschutzgebiets “Östlicher Teutoburger Wald”, zugleich FFH-Gebiet, von dem sich mehr als 1000 ha auf Bielefelder Gebiet befinden. Hier wächst Perlgras-Buchenwald auf Kalk mit Massenbeständen an Bärlauch im Verein mit zahlreichen anderen Kräutern. Ob’s an steigenden Holzpreisen liegt, oder ob die Buchen ihres Alters wegen eben “fällig” waren, sei dahingestellt – so stellen sich jedenfalls wohl nur die wenigsten ein Naturschutzgebiet vor!

Wohlgemerkt, was hier geschehen ist, ist völlig legal! Die ordnungsgemäße Land- und Forstwirtschaft ist grundsätzlich in allen Naturschutzgebieten erlaubt, es sei denn dass im Einzelfall eine NSG-Verordnung dieses Recht einschränkt – das aber ist hier nicht der Fall.

Viele Leute denken bei Naturschutzgebieten zuerst mal an Verbote. Das ist auch nicht völlig falsch, denn wenn so ein Naturschutzgebiet überhaupt Sinn machen soll, müssen doch diejenigen menschlichen Aktivitäten, die der Natur nachweislich Schaden zufügen, in irgendeiner Weise eingeschränkt werden. Sonst könnte man sich die Ausweisung auch gleich sparen!

Schlimm finde ich es aber, wenn der Eindruck entsteht, die Verbote beträfen ausschliesslich diejenigen, die überhaupt noch ein ernsthaftes Interesse an der Natur haben; für die die Natur mehr ist als nur Kulisse! Denn wie in fast jedem Naturschutzgebiet ist es auch hier allen anderen Naturnutzern verboten,

“Pflanzen [...] zu beschädigen, auszureißen, auszugraben oder Teile davon abzutrennen, das Wurzelwerk zu verletzen oder die Pflanzen auf andere Weise in ihrem Wachstum zu beeinträchtigen”

oder

“wildlebenden Tieren nachzustellen, sie zu beunruhigen, zu fangen, zu verletzen, zu töten oder ihre Eier, Larven, Puppen oder sonstige Entwicklungsformen oder Brut- und Wohnstätten fortzunehmen, zu zerstören oder zu beschädigen”,

wobei ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass auch Lärmen und Fotografieren (!) eine Beunruhigung sein kann (Quelle: Landschaftsplan Bielefeld-West). In dieser umfassenden Absolutheit schaffen solche Bestimmungen mehr Unsicherheit, als dass sie das Verhältnis der Besucher zur Natur klären. Darf ich jetzt keinen Singvogel mehr mit dem Fernglas anpirschen, weil er sich dadurch gestört fühlen könnte?  Darf ich keinen Käfer mehr in die Hand nehmen? Ist es noch gestattet, mit spitzen Fingern eine Blüte zu zerlegen, um mit Lupe und “Rothmaler” bewaffnet die Art zu bestimmen? Wer auf Nummer sicher gehen will, stellt vorübergehend das Atmen ein; er könnte ja aus Versehen ein Insekt verschlucken.

Und dann sieht man solche Bilder und kommt sich doch irgendwie verarscht vor!

Zugegeben, alles ist dem Eigentümer auch nicht erlaubt. Er darf in diesem speziellen Fall z.B. die Buchen nicht durch Fichten ersetzen, oder gar einen Kahlschlag machen (Wer hätte das gedacht! Das muss dem Eigentümer anscheinend explizit untersagt werden und ergibt sich nicht automatisch aus dem Status als Naturschutzgebiet!). Und bis zu (!) zehn alte Bäume je Hektar müssen stehenbleiben und dürfen irgendwann den Alterstod sterben (also reicht auch ein einziger?).

Aber die Unverhältnismäßigkeit zwischen dem, was der Forstwirtschaft hier (und mit Sicherheit auch anderswo, ebenso wie der Landwirtschaft) erlaubt, und normalen naturinteressierten Besuchern zumindest auf dem Papier verboten ist, finde ich grotesk. Verständnis für die Belange des Naturschutzes zu schaffen, wird so nicht gelingen!

Kein gutes Jahr für Nashörner

Für alle, denen am Schutz der Nashörner gelegen ist, gab es dieses Jahr eine Menge schlechter Nachrichten. Zwei Unterarten von Nashörnern, das vietnamesische Javanashorn (Rhinoceros sondaicus annamiticus) und das westafrikanische Spitzmaulnashorn (Diceros bicornis longipes) wurden von der IUCN offiziell für ausgestorben erklärt.

ARKive video - Indonesian Javan rhinoceros - overviewIn Vietnam hatte man im Cat Tien Nationalpark in den Jahren 2009 und 2010 Nashorn-Kot gesammelt. DNA-Untersuchungen ergaben, dass alle Kothaufen nur von einem einzigen Tier stammten. Dieses wurde dann im April 2010 tot aufgefunden, mit einer Schusswunde und ohne Horn! Die Population in Vietnam war erst 1988 (wieder-)entdeckt worden, nachdem niemand einen Pfifferling darauf verwettet hätte, dass diese Tiere den Vietnamkrieg überlebt haben könnten, denn auch Teile von Cat Tien waren mit Agent Orange besprüht worden. Bis zu 8, vielleicht 10 Tiere hatte man in der Folge dort vermutet. Sie wiesen genetische Unterschiede zur einzigen noch verbleibenden Population im Udjong Kulon Nationalpark auf Java auf, wo noch 40-60 Exemplare leben sollen. Ob es auch äusserliche Unterschiede gab, weiss ich nicht. Früher lebten Javanashörner von Bangladesh und Burma im Nordwesten und dem äussersten Süden Chinas im Nordosten bis nach Java. Mit dem Verlust der Nashörner von Cat Tien ist nicht nur eine Population, sondern ein Stück biologische Vielfalt für immer verschwunden. Eines der ganz wenigen Fotos eines vietnamesischen Javanashorns findet sich auf der Website des Rhino Resource Center. Fotos und Videos der Tiere von Udjong Kulon finden sich bei arkive.org (siehe Fotolink rechts).

ARKive photo - Black rhinoceros in typical habitatDas afrikanische Spitzmaulnashorn lebte noch vor 200 Jahren in einem durchgehenden Verbreitungsgebiet von Guinea und Mali Nigeria und Tschad (Rookmaker, 2004) über Äthiopien und Somalia bis zum Tafelberg nahe Kapstadt. In der Zentralafrikanischen Republik, wo offenbar die Übergangszone der westlichen (D. c. longipes) zur östlichen Unterart (D. c. michaeli) gelegen hat, lebten wohl noch vor 30 Jahren mehr als 3000 Spitzmaulnashörner – heute sind es für die Art als ganzes, nach der letzten Zählung von vor einem Jahr, 4880. Doch innerhalb von nur vier Jahren wurden in der ZAR offenbar rund 95% aller Spitzmaulnashörner abgeschlachtet – ein beispielloses Gemetzel! Für 1984 lauten die Bestandszahlen der westlichen Unterart dementsprechend 110 für Kamerun, vielleicht 5 für den Tschad und nur noch 170 für die ZAR. Danach ging es nur noch bergab. Im Tschad wurden Nashörner bereits 1991 nicht mehr nachgewiesen, in der ZAR 1992. In Kamerun nahm der WWF noch 1996 mindestens 10 Nashörner an, doch in 2006 war keine Spur mehr von ihnen aufzutreiben. In den weiter westlich gelegenen Staaten waren Nashörner schon lange zuvor verschwunden; konkrete Daten dazu habe ich nicht. Auch hier hat das Rhino Resource Center eines der ganz wenigen Fotos eines Nashorns aus Kamerun, noch in Schwarz-weiss. Gerade solche alten Fotos vermitteln mir besonders stark, wie unwiederbringlich das alles ist…

ARKive photo - Northern white rhinoceros runningDas nördliche Breitmaulnashorn (rechts ein Foto aus der Vergangenheit von Mark Cawardine, der mit Douglas Adams “Die letzten ihrer Art” verfasste, bitte anklicken) (Ceratotherium simum cottoni) war ja schon vor ein paar Jahren in seinem letzten Refugium in der Natur, dem Garamba Nationalpark in der DR Kongo, ausgerottet worden. Es überlebt noch in menschlicher Obhut, aber nur mit vier (!) Exemplaren (ich glaube, es gibt/gab noch vier weitere, aber die sind/waren zur Zucht zu alt). Diese befinden sich jetzt irgendwo in Kenia in einer privaten Institution, und man überlegt, sie mit Südlichen Breitmaulnashörnern zu kreuzen, um wenigstens einen Teil ihres genetischen Materials zu erhalten. Das ist besonders tragisch, weil gerade das Nördliche Breitmaulnashorn, dessen Verbreitungsgebiet mehr als 3000 km von dem seines Südafrikanischen Vetters getrennt war, sich seit vielleicht 1 Million Jahren unabhängig entwickelt hat und daher, je nach Artdefinition, womöglich eine eigene Art darstellt (Groves et al., 2010), nicht nur eine Unterart oder genetisch verschiedene Population.

Ich würde gerne noch so viel anmerken. Über die Geschichte der Bestandsentwicklung der Nashörner.  Über die Arealveränderungen. Über Trophäenjäger, die ihr eigenes Andenken mit dem Tod tausender dieser Tiere beschmutzt haben. Über die Unterarten des Spitzmaul- und des Javanashorns und ihre Berechtigung. Vielleicht ein andermal…

 

Literatur:

Emslie, R. 2011. Ceratotherium simum. In: IUCN 2011. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2011.2. <www.iucnredlist.org>. Downloaded on 30 November 2011.

Emslie, R. 2011. Diceros bicornis. In: IUCN 2011. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2011.2. <www.iucnredlist.org>. Downloaded on 30 November 2011.

Emslie, R. and Brooks, M. (1999) African Rhino. Status Survey and Conservation Action Plan. IUCN/SSC African Rhino
Specialist Group. IUCN, Gland, Switzerland and Cambridge, UK. ix + 92 pp. [pdf]

Groves, C.P., Fernando, P. and Robovský, J. 2010. The Sixth Rhino: A Taxonomic Re-Assessment of the Critically Endangered Northern White Rhinoceros. PLoS ONE 5(4): e9703. doi:10.1371/journal.pone.0009703. [pdf]

Rookmaker, L.C. 2004. Historical distribution of the black rhinoceros (Diceros bicornis) in West Africa. African Zoology (unpublished?) [pdf]

van Strien, N.J., Steinmetz, R., Manullang, B., Sectionov, Han, K.H., Isnan, W., Rookmaaker, K., Sumardja, E., Khan, M.K.M. & Ellis, S. 2008. Rhinoceros sondaicus. In: IUCN 2011. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2011.2. <www.iucnredlist.org>. Downloaded on 30 November 2011.

Die Mutter allen Schleims.

Selbst als Zoologe muss man ziemlich abgebrüht sein, um diese Viecher nicht absolut eklig zu finden! Wenn es irgendwelche Tiere oder sonstige Lebewesen gibt, die das Wort “Schleim” zurecht im Namen tragen, dann sie. Was Schleimaale (Myxiniformes), manchmal auch noch als Inger bezeichnet, so absondern, das ist Schleim in Reinform, sozusagen die Mutter allen Schleims.

Wie das folgende Video des Vancouver Aquarium zeigt, sondern Schleimaale geradezu eimerweise Schleim ab, der zudem noch stark quellend ist.

Schleimaale sind die urtümlichsten Wirbeltiere und sind damit die Schwestergruppe aller anderen, höchstwahrscheinlich inclusive der Neunaugen (da fällt mir grad ein, dass ich über die auch baldigst schreiben muss, wg. “Fisch des Jahres” und so). Ok, ok, bei dem Wort “urtümlich” wird so mancher Systematiker aufstöhnen. Aber die Myxinidae besitzen nun mal weder Knochen noch Kiefer, keine Zähne, keine paarigen Gliedmassen usw. Da springen die paar Spezialanpassungen nicht so sehr ins Auge. Wie z.B. die Fähigkeit, diese ungeheuerlichen Mengen Schleim abzusondern!

Warum produzieren Schleimaale den? Es wurde bereits vermutet, dass dieser Schleim einen Schutz darstellt, indem er kiemenatmenden Räubern die Kiemen verklebt. Zwar soll es angeblich dennoch einigen Tieren gelingen, Myxinen zu verzehren, darunter sogar Meeressäugern und -vögeln, wohl weil die keine Kiemen haben (was mir nach diesem Video schwer fällt zu glauben). Doch Freilandbeobachtungen fehlten bisher. Jetzt wurde das Ernährungs- und Feindabwehrverhalten zweier Arten (Eptatretus cirrhatus und Neomyxine sp.)untersucht und die Ergebnisse bei Nature veröffentlicht. Dabei entstand auch das folgende Video. Ok, Haie sind wunderbare Tiere, aber Schadenfreude bleibt trotzdem Schadenfreude!

Unter 14 beobachteten Angriffen war KEIN! erfolgreicher! Neben dem Schokoladenhai (Dalatias licha) und dem Wrackbarsch (Polyprion americanus) aus dem Video versuchten sich drei weitere Haiarten und vier weitere Knochenfischarten vergeblich an den Schleimaalen.

Was den Nahrungserwerb angeht, wusste man bisher nur, dass Schleimaale wirksame Aasvertilger sind, die zu Hunderten einen abgesunkenen Walkadaver innerhalb von in paar Monaten skelettieren können. Dazu verbeissen sie sich mit ihren Hornzähnen (sh. das Bild im Nature-Artikel), bilden einen richtigen Knoten (!), ziehen den Kopf rückwärts hindurch, so dass die Körperschlinge ein Widerlager bilden, und reissen so Stücke aus dem Tierkörper heraus. Doch im zweiten Teil  des Videos sieht man, dass sie es mit fast derselben Methode auch zu leistungsfähigen Räubern gebracht haben. Bei ca. 2:55 im Video sieht man, wie eines der Tiere versucht, in den Bau eines Bandfisches (Cepola haastii) einzudringen. Anscheinend verbeisst es sich dann in den Bandfisch und hebelt ihn schliesslich mit der Knotenmethode vollends aus der Röhre hinaus. Möglicherweise wird auch hierbei Schleim abgesondert, der den Bandfisch ersticken lässt. Der Bewegungsablauf wird in der Zeichnung im Artikel noch genauer dargestellt (für die, die bis jetzt zu faul waren, den Link anzuklicken).

Schleimaale sind also ziemlich faszinierende Tiere, wie ich finde. Leider werden selbst diese äusserlich unscheinbaren Meeresbewohner mancherorts, besonders im Nordwestpazifik, in grossen Mengen gefischt. Von den ca. 77 bekannten Arten stehen bereits 9 auf der Roten Liste der IUCN. Zwei (Eptatretus octatrema, Myxine paucidens) wurden seit Jahrzehnten nicht mehr gefangen, obwohl ihre Heimatgewässer intensiv befischt werden, bei einer (Myxine garmani) sind die Fangmengen um weit über die Hälfte zurückgegangen, und die anderen 6 kommen ebenfalls in – oft recht kleinen – Meeresgebieten vor, die z.T. intensiv befischt werden.

Das meiste sogenannte “Aalleder”, aus dem Handtaschen und Schuhe hergestellt werden, soll von Schleimaalen stammen. Und in Ostasien verwendet man angeblich den Schleim als Eiweissersatz (lt. englischer Wikipedia). Na, ich weiss nich…

 

Zooskop: wasn das?

Herzlich willkommen in meinem neuen Blog, der als Projekt schon so ewig in der Schublade liegt, dass er anfing zu riechen. Also nix wie her mit frischen Artikeln!

Ich will hier über alles das schreiben, was mich so Tag für Tag im Zusammenhang mit meinem absoluten Lieblingsthema beschäftigt. Und das ist die Zoologie, das sind Wildtiere, ihre ungeheure Vielfalt, ihre Entdeckungsgeschichte, ihre Bedrohungen und ihre oft sonderbaren Anpassungen. Und alles, was auch nur im Entferntesten damit zu tun haben könnte. Der Rest wird sich zeigen.